LA FABBRICA ILLUMINATA/PROMETEO A TARANTO
24./25.09.26 Teatro Crest/TARAS TEATRO FESTIVAL
italienisch (link)/deutsch
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„Mein Prometheus lebt im Stahlwerk ‚Ex-Ilva‘: Im Chor sind Menschen aus Taranto zwischen 14 und 70 Jahren“
Interview von Antonella W. Gaeta
La Repubblica, 24. September 2026
Heute und morgen ist der deutsche Regisseur im TaTÀ mit der Inszenierung über das Stahlwerk zu sehen, die zwischen Aischylos und „La fabbrica illuminata“ entstanden ist
Gianfranco und Mariella Cariglio, Eheleute, leben seit Jahrzehnten im Stadtteil Tamburi. „Wir haben in ihrer Küche einen Kaffee getrunken, vom Fenster aus konnte man die Fabrik sehen. Zuerst zeigte sie mir den roten Staub auf dem Balkon, dann erzählte sie mir von den Todesfällen in der Familie – insgesamt 14: Vater, Mutter, Bruder, Cousins. Ein Kriegsbericht, als wären wir in der Ukraine oder in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.“
Der deutsche Regisseur Joscha Zmarzlik hat sich intensiv mit der Geschichte des ehemaligen Ilva-Werks beschäftigt. Er war zweimal in Taranto und ist nun seit dem 4. September hier. Er arbeitet an einer sehr besonderen Dramaturgie: „Prometeo a Taranto. La fabbrica illuminata“, die heute und morgen im TaTÀ in Taranto im Rahmen des Taras Teatro Festivals aufgeführt wird.
Auf der Bühne steht ein Chor aus 15 Bürgerinnen und Bürgern – ganz im Sinne der antiken Tragödie. Zmarzliks Arbeit für die Compagnia Opera To Go entsteht aus der Verbindung von „La fabbrica illuminata“, Luigi Nonos akusmatischer Komposition von 1964 für Sopran und Tonband nach Texten von Giuliano Scabia und Cesare Pavese – einer Anklage gegen die Lebensbedingungen der Arbeiter von Italsider in Genua – und Aischylos’ „Der gefesselte Prometheus“.
Zmarzlik, wann haben Sie von der Situation des ehemaligen Ilva-Werks in Taranto erfahren?
„Vor einigen Jahren habe ich in Italien gelebt, in Genua, und dort Deutsch unterrichtet. Dort erfuhr ich von dieser ökologischen Zeitbombe in Süditalien. Als man mich am Theater Freiburg um eine Regiearbeit bat, erinnerte ich mich an Nonos Werk. Aber als ich das Libretto las, schien es mir – sechzig Jahre später –, als sei es eher für Taranto als für Genua geschrieben worden, wo das Stahlwerk inzwischen fast verschwunden ist.
Er spricht von einer ‚Stadt der Toten‘, die Arbeiter sprechen von einer ‚Lagerfabrik‘. So entstand die Idee, Nonos Stück, das mit seinen 17 intensiven Minuten relativ kurz ist, mit mythologischem Material zu verbinden – also eine Mischung aus Aischylos’ ‚Gefesseltem Prometheus‘ und Zeugenaussagen aus Taranto.“
Prometheus, der mythische Überbringer des Feuers an die Menschen, ist ein Symbol des Fortschritts, aber auch seiner Kehrseite. Warum beschäftigt sich ein Deutscher mit unserer Wunde?
„Wenn man bedenkt, dass der Himmel über dem Ruhrgebiet in Deutschland schon seit Jahrzehnten wieder blau ist, stimmt das tatsächlich. Ich beschäftige mich damit, weil diese Geschichte exemplarisch für eine Kultur des Feuers steht, die wirklich an ihren blinden Punkt gelangt ist.
Wir wissen alle – auch angesichts der globalen Erwärmung –, dass wir aus der fossilen Kultur aussteigen und Prometheus hinter uns lassen müssen. In Taranto kann man die brutalsten ökologischen und onkologischen Folgen davon erleben. Diese Geschichte muss der ganzen Welt erzählt werden, denn sie betrifft uns alle.“
Wie in allen Tragödien hat auch diese ihren Chor.
„Unser sprechender Chor besteht aus Bürgerinnen und Bürgern von Taranto im Alter zwischen 14 und 70 Jahren, einige kommen direkt aus Tamburi. Jeder bringt persönliche Erfahrungen mit der Fabrik mit: Es gibt einen ehemaligen Hochofenarbeiter, die Freundin eines Arbeiters und eine junge Gymnasiallehrerin.
Ich habe in Repubblica das Interview mit Simona Peluso von der Gruppe ‚Genitori Tarantini‘ gelesen, die den Rechtsweg beschritten hat. Ihr dreizehnjähriger Sohn Andrea wird bei uns als eine Art Vergil, als Führer, dabei sein.
Ich habe ein Skript entwickelt, nachdem ich zahlreiche Interviews geführt hatte – mit ganz unterschiedlichen Menschen: Giuse Alemanno, Alessandro Marescotti, Giovanni Guarino, Cataldo Ranieri, Vincenzo Fornaro, dem Viehzüchter, dessen mit Dioxin verseuchte Schafe getötet werden mussten.
Wie im griechischen Theater spricht die Gemeinschaft auch im Namen des Gewissens einer Stadt und reflektiert ihre historischen Momente. Die Opfer der Geschichte werden hörbar.“
Welchen Eindruck haben Sie von Taranto gewonnen, nachdem Sie dort einige Zeit verbracht haben?
„Das erste Mal, 2025, war eine sehr intensive Erfahrung. Die Fabrik war noch in Betrieb, man konnte den Gestank riechen, der Staub lag auf Balkonen und Mauern. Auf der einen Seite Tamburi, der Verfall, die Verschmutzung; auf der anderen Seite das Nachtleben im Zentrum. Taranto erschien mir wie eine pulsierende süditalienische Stadt mit Cafés, Plätzen und normalem Leben.
Aber man musste nur mit den Menschen sprechen, um den Krieg zu spüren, der dort stattfindet. Sie erzählten einem davon, manchmal ganz zufällig, und jeder hatte Todesfälle in der Familie. Eine absurde, teilweise schizophrene Situation: normales Leben und gleichzeitig Krieg.“
Und jetzt, wo Sie zurückgekehrt sind?
„Die Fabrik steht jetzt kurz vor der Schließung, der Gestank ist nicht mehr zu riechen. Aber man spürt dafür den historischen Moment sehr stark. Es herrscht Aufbruch, es gibt Demonstrationen und Straßenblockaden, aber auch viel Hoffnung, Freude und Angst. Und all das fließt in unsere Theaterarbeit ein. Der Chor auf der Bühne hat das Gefühl, seine eigene Geschichte zu erzählen.“
Bildunterschrift:
Andrea, der Dreizehnjährige, der mit seiner Mutter Simona geklagt hat, übernimmt die Rolle des Führers.
Rosa Elenia Stravato/Cosmopolis
Ein existenzielles Werk, das den Schmerz einer Stadt in einen gemeinsamen Schrei der Menschlichkeit verwandelt
von Rosa Elenia Stravato/Cosmopolis
Es gibt Aufführungen, die man betrachtet, und andere, die einen unmittelbar treffen. Die Veranstaltung, die am 24. und 25. September 2026 um 21 Uhr im Rahmen des Taras Teatro Festivals im Auditorium TaTÀ in Taranto ihre nationale Erstaufführung erlebte, gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. „Prometeo a Taranto. La fabbrica illuminata“ ist keine gewöhnliche Inszenierung, sondern eine intime und erschütternde Erfahrung – eine jener seltenen künstlerischen Arbeiten, in denen das zeitgenössische soziale Theater aufhört, bloße Fiktion zu sein, und zu Fleisch, Atem und Gemeinschaft wird.
In einer Zeit, in der das zeitgenössische Theater allzu leicht Gefahr läuft, sich in einer distanzierten Form von Intellektualismus zu verlieren, vollzieht der deutsche Regisseur Joscha Zmarzlik, Leiter der Compagnia Opera To Go, eine theatralische Geste von großer ethischer und poetischer Kraft. Zmarzlik verbindet den archaischen Mythos von Prometheus und Pandora mit der überwältigenden Kraft von „La fabbrica illuminata“, dem 1964 von Luigi Nono komponierten Meisterwerk, das auf den Klängen und aufgezeichneten Stimmen der Arbeiter von Italsider in Genua basiert. Beides verknüpft er unmittelbar mit der bis heute offenen Wunde der Industrialisierung in Taranto.
Was auf der Bühne geschieht, geht weit über den dramatischen Text hinaus. In jeder Geste, in jeder Veränderung des Lichts scheint eine Form von Menschlichkeit auf, die in ihrer Unmittelbarkeit und Reinheit beinahe unerträglich ist. Neben Zmarzlik selbst, der außergewöhnlichen und eindringlichen Stimme der Sopranistin Niki Lada und Nonos akusmatischer Partitur bildet ein Chor aus fünfzehn Bürger:innen von Taranto das eigentliche pulsierende Herz der Inszenierung – viele von ihnen sind oder waren selbst Arbeiter des Stahlwerks.
Es sind keine Schauspieler:innen, die eine Rolle verkörpern, sondern Menschen, deren Körper und Blicke das Gewicht, die Würde und den Schmerz ihres alltäglichen Lebens auf die Bühne tragen. Ihre Zeugnisse verschmelzen miteinander, lösen sich vom Individuellen und werden zu einer kollektiven Stimme – zu einem modernen tragischen Chor, der von Mühsal und Angst erzählt, von der tiefen, zugleich schmerzhaften Verbundenheit mit einem wunderschönen und verwundeten Land.
Ihre Gesichter im Licht der Scheinwerfer zu sehen, die entwaffnende Wahrhaftigkeit ihrer Stimmen und ihrer Pausen zu hören, löst eine tiefe Erschütterung aus, die einem die Kehle zuschnürt und im Saal eine beinahe sakrale Stille entstehen lässt.
Indem die Inszenierung dokumentarisches Theater, musikalische Avantgarde und den mythologischen Archetyp miteinander in Beziehung setzt, stellt sie Fragen, die sich nicht länger aufschieben lassen: Welchen Preis hat der Fortschritt tatsächlich? Wie lässt sich der tragische Konflikt zwischen dem Recht auf Gesundheit, dem Bedürfnis nach Arbeit, dem Schutz der Umwelt und dem Verlangen nach sozialer Gerechtigkeit aushalten und überleben? Das Schicksal der Emissionen der Fabrik ist längst keine rein wirtschaftliche oder politische Frage mehr – es wird zum Schicksal eines jeden von uns.
Das TaTÀ verwandelt sich so in einen Raum der Katharsis, des Zuhörens, des lebendigen Erinnerns und der notwendigen Auseinandersetzung. Hier zu sein, wird zu einer menschlichen Verpflichtung, zu einer gemeinsamen Umarmung einer Gemeinschaft, die Widerstand leistet. Die Performance wird zu einer tiefen Erfahrung dessen, was es bedeutet, wieder gemeinsam an einem Ort zu sein: im Dunkeln dieselbe Zeit zu teilen und dasselbe Licht miteinander zu erfahren.
Solche Aufführungen erinnern uns daran, warum das Theater, wenn es auf das Leben antwortet, einer der menschlichsten und unverzichtbarsten Orte überhaupt bleibt.
„Prometeo a Taranto“: Das Theater untersucht die Umwelt- und Gesundheitskatastrophe
25. September 2026
Von Silvano Trevisani
„Prometeo a Taranto. La fabbrica illuminata“ ist ein interessantes Theaterexperiment, das derzeit im TaTÀ im Rahmen des von Massimo Cimaglia geleiteten Taras Teatro Festivals zu sehen ist. Es handelt sich um eine durch und durch performative Theatererfahrung, die eine Art Wahrnehmungssynästhesie verschiedener Impulse und Ausgangsmaterialien anstrebt – mit dem klaren thematischen Ziel, die menschliche und ökologische Katastrophe, die durch das große Stahlwerk in Taranto verursacht wurde, anzuklagen.
Der Ursprung dieses Projekts liegt in einer Komposition für Stimme und Tonband des zeitgenössischen Komponisten Luigi Nono. Im Jahr 1964 formulierte Nono darin eine Anklage und eine Reflexion über die entfremdenden Lebensbedingungen der Arbeiter in den großen Fabriken, insbesondere bei Italsider in Genua, auf Texte von Giuliano Scabia und Cesare Pavese. Der Titel der Komposition lautet „La fabbrica illuminata“.
Von dieser experimentellen Musik, die auf der Bühne von der Sopranistin Niki Lada interpretiert wird, geht die „Erzählung“ aus, die auf einer Aktualisierung des Prometheus-Mythos basiert – jenes Titanen, der den Göttern das Feuer stahl, um es den Menschen zu schenken, und dafür die Konsequenzen tragen musste.
„Es gibt ein Feuer, das erleuchtet, und ein Feuer, das verschlingt. Ein Feuer, das Fortschritt verspricht, und eines, das sich im Namen der Entwicklung in eine Bedrohung für das Leben verwandeln kann.“
Die ausdrückliche Bezugnahme gilt dem Produktionskreislauf der Stahlindustrie, der vollständig auf dem Feuer und seinen vielfältigen, extremen Anwendungen beruht.
Der deutsche Regisseur Joscha Zmarzlik, der zugleich die Rolle eines Prometheus verkörpert, der bereits von den Folgen seiner Tat gezeichnet ist – die in diesem Fall bis zu ihren äußersten Konsequenzen reichen –, hat eine auf den „Fall Taranto“ zugeschnittene Dramaturgie entwickelt und sie innerhalb weniger Tage mit einem Chor aus fünfzehn Bürgerinnen und Bürgern von Taranto auf die Bühne gebracht, von denen einige über umfangreiche Schauspielerfahrung verfügen: Pasquale Basile, Marco Bianco, Margherita Buono, Massimo Cardellicchio, Perla Calassi, Maria Pia Cazzolla, Marcella D’Alconzo, Domenico Brisci, Federica Brisci, Sabrina Donvito, Francesco Omma, Fabrizio Ricchiuto, Marco Russo, Andrea Simone und Maria Rana.
So wie Nono die Zeugnisse der Arbeiter unmittelbar in der Fabrik aufnahm, hat sich auch Zmarzlik dafür entschieden, den Bürgerinnen und Bürgern von Taranto eine Stimme zu geben. Einige von ihnen sind Arbeiter des Stahlwerks.
Es entsteht eine vielschichtige, intensive und provokante Arbeit, die stellenweise etwas lose zusammengefügt wirkt – insbesondere beim Übergang von der stimmlichen Ebene der talentierten Sopranistin zur chorischen Erzählung, die durch die Choreografien und den körperlichen Ausdruck der hervorragenden Darsteller getragen wird.
Wie so häufig im performativen Theater werden Choreografien oder auch einfache, choreografierte Körperbewegungen zu einem wesentlichen Mittel, um die inneren Dynamiken der Figuren und ihre Beziehungen zueinander zu vermitteln. Sie verleihen der Handlung – hier handelt es sich um eine intensive, zugleich fragmentarische, anekdotische Erzählung – eine visuelle und emotionale Dimension, die Worte allein nicht vollständig zum Ausdruck bringen könnten.
Performative Situationen im Theater regen nicht nur die Vorstellungskraft an. Sie spielen insbesondere dann eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, über gesellschaftliche Themen nachzudenken. Durch Musik und Körperlichkeit wird das Theater zu einem Raum, in dem sich soziale, historische und kulturelle Themen erkunden und diskutieren lassen. Dadurch wird der Dialog zwischen Bühne und Gemeinschaft erleichtert und zugleich der Zugang für das Publikum geöffnet.
Genau das wollte Zmarzlik erreichen. Das Publikum dankte es ihm mit großer Zustimmung, und es gelang ihm, in nur wenigen Probentagen bemerkenswerte Ergebnisse aus seinen „Chormitgliedern“ herauszuholen.
Am Ende der Vorstellung präsentierten sie eine lange Papierrolle mit den Arbeiten der Schülerinnen und Schüler aus den Schulen des Stadtteils Tamburi.
Kultur, Vorhang für Ex-Ilva: Die Stadt Taranto erfindet sich im Theater neu
Andrea und Joscha begegneten sich im Theater. Um die Stadt der Gifte zu Grabe zu tragen und auf der Bühne ein neues Taranto entstehen zu lassen.
Veröffentlichung: 27.09.2026, 7:49 Uhr
di Rachele Bombace
ROM – Andrea hat seine Unterschrift unter die Forderung nach der Schließung des Ilva-Werks gesetzt. Mit dreizehn Jahren ist er das einzige Kind unter den „Genitori Tarantini“, die Klage gegen das Stahl- und Kohlenmonstrum eingereicht haben. Joscha Zmarzlik hat sich der Fabrik aus der Ferne genähert. Der deutsche Regisseur lernte sie während seiner Jahre in Genua kennen; dort hieß sie Italsider, „La fabbrica illuminata“, der Luigi Nono 1964 ein musikalisches Werk widmete. Andrea und Joscha begegneten sich im Theater. Um die Stadt der Gifte zu Grabe zu tragen und auf der Bühne ein neues Taranto entstehen zu lassen.
„Wir wollen die Stadt neu begründen und sanieren, um einem Albtraum ein Ende zu setzen, der seit Jahrzehnten andauert.“ Darin liegt die Idee der Theaterinszenierung „Prometeo a Taranto. La fabbrica illuminata“ von Zmarzlik, die im TaTÀ in Taranto im Rahmen des Taras Teatro Festivals aufgeführt wurde. Das Werk wurde gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern von Taranto entwickelt, Bewohnern des Stadtteils Tamburi. Unter ihnen sind Lehrer:innen, Rentner:innen, ehemalige Arbeiter und Andrea, der an einer äußerst seltenen genetischen Erkrankung leidet: dem SOX4-Defizienzsyndrom, an dem in Italien nur er erkrankt ist.
„In diesen zweieinhalb Wochen Proben“, erzählt seine Mutter Simona Peluso, „habe ich gesehen, wie er plötzlich gewachsen ist, sich verändert und ein Bewusstsein und einen Charakter entwickelt hat, die er vorher nicht hatte. Andrea hat sich sicher gefühlt. Früher war er viel emotionaler und machte sich Sorgen, wenn er etwas tun musste. Teil eines Schauspielensembles zu sein, war für ihn eine Gelegenheit, sich zu behaupten. Trotz all seiner Erkrankungen hat ihn jemand ausgewählt, diese Rolle zu spielen, und ihm damit das Gefühl gegeben, Teil von etwas zu sein.“
Andrea und Joscha begegneten sich in der Asche der Stahlindustrie, denn diese Inszenierung verbindet zwei Erzählungen: die Geschichte von Italsider in Genua und den Mythos des „Gefesselten Prometheus“ von Aischylos, übertragen auf die Stadt Taranto.
„Nono hat sein Werk 1964 entwickelt, indem er in der Italsider-Fabrik in Genua die Geräusche der Fabrik und die Stimmen der Arbeiter aufnahm und eine Fabrik als eine Art Dantesches Inferno zeichnete“, erklärt Joscha. „Darin finden sich brutale Formulierungen wie ‚die Fabrik der Toten‘. Und jetzt, da es in Genua keinen Warmwalzbereich mehr gibt, entstand bei mir die Idee, dieses Werk auf die Stadt Taranto zu übertragen.“
Der Regisseur lebte drei Jahre in Genua und recherchierte dort intensiv über das ehemalige Ilva-Werk in Taranto. Die apulische Stadt besuchte er jedoch zum ersten Mal vor anderthalb Jahren.
„Ich habe den schlechten Geruch wahrgenommen, den roten Staub gesehen und die Zeugnisse vieler Bürger gehört. Jeder von ihnen hatte Todesfälle in der Familie. Es ist ein permanenter und unsichtbarer Krieg, der seit Jahrzehnten andauert. Ihn selbst zu erleben, war etwas völlig anderes, als darüber zu lesen.“
Vor drei Wochen kehrte Joscha in die Stadt zwischen den beiden Meeren zurück, um seine Inszenierung auf die Bühne zu bringen und Taranto im Theater neu entstehen zu lassen.
„Ich kam genau an dem Abend an, an dem das Urteil verkündet wurde, mit dem das Berufungsgericht von Mailand die Stilllegung des Warmbereichs des ehemaligen Ilva bis zum 28. Oktober angeordnet hat“, erinnert sich der Regisseur. „Wir hoffen, dass dieser Wendepunkt Bestand haben kann. Jetzt ist alles sehr anders. Damals spürte man die Zeitbombe, die starke Verschmutzung. Jetzt scheint die Luft klarer zu sein, man sieht, dass sich die Fabrik in einem Prozess der Stilllegung befindet, und allmählich treten die vorhandenen Ressourcen hervor: das Meer, die gute Luft, eine süditalienische Stadt mit einem pulsierenden Zentrum, das Nachtleben, die Natur. Und dann gibt es diese Fabrik – und noch weiß niemand, was geschehen wird.“
Man spürt die Erwartung.
„Ich nehme wahr, dass die Stadt in Aufruhr ist – zwischen den Blockaden der Brücke, den Streiks, der Sorge und der Angst um die Zukunft der Familien der noch verbliebenen Arbeiter oder jener, die sich in Kurzarbeit befinden. Natürlich gibt es auch viel Freude, Hoffnung und Stolz“, bestätigt er. „Die Gruppe der Genitori Tarantini und andere Aktivisten haben das Gefühl, einen Wendepunkt erreicht zu haben. Die Luft ist aufgeladen.“
Und gestern Abend, während der Premiere seiner Inszenierung, war diese Stimmung spürbar.
„Das Publikum war bewegt und hat die Aufführung, die Leidenschaft und das Engagement, das zu spüren war, sehr geschätzt, denn auf der Bühne steht ein sprechender Chor aus vierzehn Bürgerinnen und Bürgern von Taranto, die ihre eigenen Zeugnisse eingebracht haben.“
Auf der Bühne ist sein Prometheus krank. Er sitzt im Rollstuhl, hat Leberkrebs und hängt an einer Infusion. Zmarzlik selbst spielt ihn. Er trägt vollständig Rot, einen Helm und ist kahl.
„Prometheus ist der Überbringer des Feuers, und das Stahlwerk ist der Höhepunkt der Feuerkultur, die heute zu einer Sackgasse geworden ist, zu einer grausamen und brutalen Seite auf globaler Ebene. Denn die fossile Kultur zerstört den Planeten.“
Mit Andrea kehrt die Hoffnung zurück.
„Während der gesamten Aufführung bleibt er an Prometheus’ Seite, begleitet ihn wie ein guter Engel in Blau“, fügt der Regisseur und Schauspieler hinzu. „Er steht für die Kindheit, für die Kinder, für die nächste Generation, die diese Wiedergeburt erleben kann.“
Die Aufführung endet mit einem riesigen Transparent.
„Es wurde von den Kindern der Grundschule Leda dei Tamburi gestaltet“, sagt Simona, „und es stellt ihre Hoffnungen für die Stadt dar, wie sie sich Taranto nach dem Ende der Verschmutzung wünschen. Und wenn die Kinder daran glauben, dann dürfen wir sie nicht enttäuschen.“
„Ich hoffe, dass diese Folter, die uns seit 60 Jahren in Ketten hält, bald ein Ende findet. Heute gibt es mehr Bewusstsein. Zum Glück haben die Menschen verstanden, dass wir das Recht haben, in einer Stadt zu leben, die so viel zu bieten hat und sich nicht dieser Vorstellung von Traurigkeit und Krankheit unterwerfen muss. Denn Taranto kann so viel mehr sein. Dafür kämpfen wir“, schließt sie.
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"Wie schafft man es Klimawandel, Flüchtlingspolitik und Umweltschutz künstlerisch zu vertonen? Gestern hatten wir im Rahmen der Klimagourmettage FFM das Glück Joscha Zmarzlik beiwohnen zu dürfen, der dieses kleine Wunder stimmlich und in Begleitung des E-Piano vollbracht hat. Weit ab von Studien und Zeitungsartikeln zum Thema Klimawandel wurden die Brisanz unserer derzeitigen umweltpolitischen Lage auf sehr persönliche Art und Weise spürbar und erfahrbar. Gekrönt wurde dies von den ökologisch hergestelltem Weinen (mit und ohne Umdrehungen), die vom Ökoweingut Schütte gestellt wurden. Ein runder und kurzweiliger Abend für das Herz, den Gaumen, die Nase und das Gehör, der auch für die kleine Gäste positiv in Erinnerung bleiben wird." Post Wohnzimmerkonzert Framkfurt im Rahmen der Klimagourmetwoche 2019 vom Leitungsteam Klimagourmet 8.9.2019.
WORMSER ZEITUNG 27.8. 2019
"Große Kunst mit kleiner Zauberflöte in Alsheim"
Gastgeber Joscha Zmarzlik verband mit seiner Inszenierung Mozarts Meisterwerk mit einschlägigem Lokalkolorit und holte so den Flair der großen Opernbühne in das Weingut Schütte.
Von Viktoria Selbert
ALSHEIM - Hohen Besuch erlebte Alsheim am Samstagabend bei „Kultur in der Remise“ auf dem Ökoweingut Schütte. Die Königin der Nacht höchstpersönlich mit Gefolge sowie die anderen Darsteller der
„Zauberflöte“ waren teils von weit her angereist, um für einen Abend das Dorf zum Opernmekka zu machen.
An drei Tagen im August wird das Weingut der Familie Schütte Schauplatz eines beschaulichen Festivals mit einem Kinoabend, der Opern-Reihe „Buon vino bel canto“ und einem „Babykonzert“. Den Hof des
Betriebes, der mit seiner alten Natursteinremise, den verwinkelten historischen Gebäuden und den vielen Pflanzen sehr romantisch anmutet, verwandelt die Großfamilie mit zahlreichen Helfern und
enormem Engagement in einen regelrecht magisch wirkenden Ort der Genüsse. Denn nicht nur visuell und akustisch bekommt das Publikum viel geboten, sondern auch kulinarisch – mit Schütte-Weinen und
Speisen, die sich an einem Länder-Motto orientieren. Einerseits ist das Event noch ein Geheimtipp, andererseits aber auch schon bekannt genug, dass für die Aufführung der „Kleinen Zauberflöte in
Alsheimer Fassung“ der Hof bis in die letzte Ecke besetzt war. Sogar italienische. französische, spanische, orientalische, asiatische Sprachfetzen waren zu vernehmen, was eine weltoffene Atmosphäre
schuf.
Eine Oper im Dorf, für das Dorf und mit dem Dorf war zu erleben, denn die alte Remise des Weinguts bildete die Bühne, das Publikum erlebte hervorragende Profi-Sänger in einer höchst unterhaltsamen,
einzigartigen Inszenierung und die kleineren Rollen waren alle mit Alsheimer Bürgern und Kindern in Chor- und Solo-Funktion besetzt.
Impresario, Intendant, Autor, Theatertechniker, Regisseur und Papageno in Personalunion war Joscha Zmarzlik, stimmschöner Bariton, facettenreicher Darsteller und Mann der Winzerin Agnes Schütte. Mit
unermüdlicher kreativer Kraft hat er ein kleines Meisterwerk geschaffen, dessen Authentizität und unbedarfte Frische in der Inszenierung unter Einbeziehung eines Erzählers im örtlichen Dialekt an
Wanderbühnen aus vergangenen Jahrhunderten erinnerte.
Das Orchester bildete das eigens für den Anlass gegründete „PapagenoQuartett“ mit Olga Nodel und Moses Lee an den Violinen, der Bratschistin Anastasia Gubarkova und am Cello Katharina Schmitt. Die
exzellenten und renommierten Instrumentalisten gestalteten den Orchesterpart über den gesamten Zeitraum von zweieinhalb Stunden mit sichtlichem Spaß und ausgefeilter musikalischer Gestaltung. Von
temperamentvoll, vehement bis lyrisch und sensibel trugen die Stimmen und strukturierten rhythmisch das Geschehen.
Durch seine Verbindungen in die Sänger-Szene hatte Zmarzlik Kollegen nach Alsheim geholt, die sonst auf renommierten Opern- und Konzertbühnen zuhause sind. Allen voran begeisterte die Sopranistin
Anne Frank in gleich mehrfacher Funktion: als erste Dame, Papagena und bravourös als Königin der Nacht mit kernigem, brillantem und doch weichem Ton. Florian Löffler sang den Tamino mit
herzerfrischend kraftvollem Tenor, und der Mainzer Bassbariton Peter Linn verkörperte die Rolle des Sarastro mit würdevoller Ernsthaftigkeit. In nur zwei
Probetagen hatte das Ensemble ein witziges, intelligentes, erfrischendes Theatererlebnis ohne Perfektionszwang auf die Beine gestellt, das mit jubelndem Applaus belohnt wurde – und es unbedingt
verdient hätte, nicht nur einmal gespielt zu werden.
Die Fotografien, die als Bühnenbild dienten, entstanden ausnahmslos in Alsheim und Umgebung. (Fotos J. Zmarzlik)
Präsentation Zauberflöte.pdf
PDF-Dokument [14.4 MB]
WORMSER ZEITUNG 28.8.2017
Alsheim28.08.2017
Alsheim: Kultur, wo sonst Traktoren stehen
ALSHEIM - Carmen und Don Escamillo hatten eingeladen, um gemeinsam den Sommerabend im Weingut Schütte in Alsheim zu verbringen. Auch Don Giovanni und Zerlina waren da, der Barbier von Sevilla und Rosina, Eliza Doolittle und Professor Higgins sowie einige andere. Große Kunst hat eben auch in einer Remise Platz, in der sonst Traktoren untergebracht sind.
Sommerabend mit dreifachem Genuss
Dort präsentierte sich am Samstagabend eine Bühne, unter dem Dach fanden rund 100 Gäste Platz, und der idyllisch dekorierte Garten lud zum Verweilen ein. „Buon vino – bel canto“ war das Ereignis treffend benannt. Genuss war dreifach garantiert durch die guten Weine, die großartige Musik und feine vegetarische Speisen. Die gesamte Winzerfamilie war im Einsatz, um den Abend mit Arien und Songs aus Oper, Operette und Musical unter der Leitung von Joscha Zmarzlik zu einem besonderen Erlebnis zu machen.
Der Bariton, der zur Familie Schütte gehört, hatte mit der Mezzosopranistin Annika Kaschenz von der Rheinischen Oper Düsseldorf eine Kollegin erster Güte für das Konzert ge-wonnen, ebenso die vortreffliche Pianistin Britta Elschner von der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Frankfurt sowie den hervorragenden Geiger Martin Leckebusch, der im letzten Moment als Ersatz eingesprungen war. Ungeachtet dessen war ein in jeder Hinsicht harmonierendes, spielfreudiges Ensemble am Werk.
Mit echten Belcanto-Arien ging es los, Annika Kaschenz machte den Auftakt mit der Arie des Orsini „Il segreto di essere felici“ aus Donizettis Oper „Lucrezia Borgia“. Ihr strahlender, zugleich höchst beweglicher wie eleganter Mezzo und ihre darstellerische Fähigkeit begeisterte vom ersten Ton an. Gleichermaßen versiert zeigte Zmarzlik seinen schönen, warmen Bariton in dem berühmten „Largo al factotum“ aus Rossinis „Il barbiere di Sevilla“ und präsentierte die Arie szenisch höchst charmant. Einen Glanzpunkt aus derselben Oper ist „Una voce poco fa“ der Protagonistin Rosina, in der Annika Kaschenz ihre große Stimme virtuos und dynamisch fein dosiert brillieren ließ.
Mit Don Giovanni ging es weiter, den der Bariton in „Auf zu dem Feste“ überzeugend ver-körperte, um dann zu einem wunderbar gestalteten Duett mit Zerlinas „Reich mir die Hand mein Leben“ überzugehen. Ein temperamentvolles, höchst anspruchsvolles Klavier-Solo, die „Carmen Variationen“ von Horowitz, leitete über zur großartig facettenreich gesungenen „Habanera“ und zum Duett von Carmen und dem Toreador in Begleitung des ad hoc kreierten „Alsheimer Opernchors“ sowie dessen Arie „Votre Toast“. Die Wirkung der Geige kam vor allem in den Titeln der leichten Muse zur Geltung, wogegen die Sänger im Opernrepertoire etwas mehr zuhause sind.
Zuverlässig, feinfühlig und perfekt begleitet von Britta Elschner, lud die Sängerin alias Graf Orlowsky aus der „Fledermaus“ ihre Gäste ein, rief ihr Kollege als Tassilo aus „Gräfin Mariza“ den Tzigan und beide Sänger-Darsteller begeisterten mit Hits aus „My fair lady“ auf Deutsch sowie „Lippen schweigen“ aus Lehars „Die Lustige Witwe“. Mehrere Zugaben und die Vorfreude aufs nächste Jahr gab es mit auf den Heimweg.
L`Eco, Giornale di Savona
Schubert zwischen Übermut und Depression - ein großartiger Liederabend bringt uns die Schöne Müllerin und den Komponisten nahe
Schuberts Liederzyklen sind leider in Italien viel zu wenig zu hören, viel zu sehr sind wir konzentriert auf die Tradition des Belcantos und der großen operistischen Gesten. Das zu ändern gab es hervorragende Gelegenheit bei der Aufführung der Schönen Müllerin des Komponisten, die vom deutsch-italienischen Duo Joscha Zmarzlik (Bariton) und Guido Bottaro (Pianoforte) bei der um unser heimisches Musikleben so verdienten Associazione Musicale Rossini präsentiert wurde.
(.....)
Der reich timbrierte Bariton Joscha Zmarzliks überzeugte mit einer außerordentlichen Gestaltungskraft, die vom zarten Pianissimo bis hin zum markanten Forte reichte und die Stationen des Müllergesellen musikalisch und emotional hochintensiv darbrachte. Daneben zeugten die auf Italienisch vorgetragenen Texte aus den Briefen und Tagebüchern des Komponisten vom erstaunlichen Rezitatoren-Talent des Sängers, dem für diese hervorragend gemeisterte Doppelaufgabe größter Respekt zu zollen ist. Die Persönlichkeit Schuberts trat uns in diesen dramaturgisch klug ausgewählten Briefen in ihrer ganzen tragischen Entwicklung entgegen: vom überschwänglich fröhlichen Meister der Freundschaft zum tieftraurigen, von Krankheit gezeichneten Einsamen, der sich den Tod herbeiwünscht.
Guido Bottaro erwies sich in seinem technisch virtuosen, immer dem Ausdruck des jeweiligen Liedes verpflichteten Spiel als absolut ebenbürtiger Partner, dessen expressive gestalterische Kraft doch stets der Gesangslinie zu dienen wusste. (....) (3.4.17, Übersetzung J.Z.)
Wormser Zeitung
Bariton und Pianistin präsentieren in Dittelsheim-Heßloch Schuberts „Winterreise“, 22.2.17
DITTELSHEIM-HESSLOCH - (fbe). Die „Winterreise – ein Zyklus schauerlicher Lieder“, mit diesen Worten hatte Franz Schubert (1797-1828) seinen Freunden im Jahr 1828 ironisch sein neues und zugleich letztes großes Oeuvre präsentiert, und tatsächlich kam es bei diesen zunächst gar nicht gut an. Nur der berühmte „Lindenbaum“ fand Anklang.
Wahrscheinlich waren die Freunde erschrocken ob der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung am Leben, gepaart mit einer guten Portion Selbstmitleid, die ihnen da aus den Noten entgegensprang. Metapher über Metapher, viele davon uns heute nur noch nach Befragung entsprechender Literatur verständlich, will vom geneigten Zuhörer aufgenommen werden in 24 Liedern von „Gute Nacht“ bis zum „Leiermann“.
- DER KOMPONIST
Obwohl er früh starb und zu Lebzeiten wenig Anerkennung erfuhr, gilt der österreichische Komponist Franz Schubert heute als bedeutender Vertreter der frühen Romantik.
Er komponierte etwa 600 Lieder im Laufe seines nur 31 Jahre währenden Lebens. Eines seiner bekanntesten ist „Die Forelle“.
Mit Blick aufs Winterende passt das Thema durchaus
An diesen großen, letzten Liederzyklus nach Gedichten von Wilhelm Müller wagten sich die beiden Solisten des Abends, Joscha Zmarzlik, Bariton, und Britta Elschner am Klavier in der Dittelsheimer Heidenturmkirche. Für die Fastnachtszeit ein eher düsteres Unterfangen, im Hinblick auf das baldige Winterende und mit der Hoffnung auf die große Erneuerung im Frühling aber durchaus passend.
Joscha Zmarzlik und Britta Elschner sind gleichermaßen im Opern- und Liedrepertoire zuhause und boten den Zuhörern eine schlüssige Interpretation dieser „schweren Kost“. Einfühlsam und stets technisch überlegen, begleitete die Pianistin mit einer weiten dynamischen Bandbreite. Da vergaß man schnell, dass in der Heidenturmkirche leider kein Konzertflügel zur Verfügung steht, sondern nur ein mehr oder weniger klangfreudiges „normales“ Klavier.
Die „Winterreise“ verlangt von den Interpreten einen großen Spannungsbogen über fast zwei Stunden und dass sie sich nicht anstecken oder gar verschlingen lassen von der großen Depression, die aus den Liedern klingt. Das gelang Joscha Zmarzlik mit seinem sonoren Bariton. Drama und Verzweiflung wechselten sich ab, und er schaffte es, aus diesem Zyklus, der ja eigentlich keinen Handlungsverlauf hat außer dem, dass am Ende alles im Tode mündet, ein schlüssiges Ganzes zu machen.
Vom Publikum, das sich trotz Fastnacht in der Heidenturmkirche eingefunden hatte, gewann man den Eindruck, dass es sich bewusst zu diesem Konzertbesuch entschlossen hatte und die „Winterreise“ nicht zum ersten Mal hörte.
Entsprechend honorierte es die künstlerische Leistung der beiden Interpreten mit viel Applaus. Wieder einmal zeigte sich, dass die Heidenturmkirche ein Konzertort ist, der Künstlern die Möglichkeit bietet, auch Konzertprogramme darzubieten, die weder dem Mainstream angehören, noch das große Geld bringen.
Gegen die Hoffnungslosigkeit
Von Ulrike Schäfer
LIEDERABEND Joscha Zmarzlik präsentiert Chansons für Träumer und Streuner im Storchenschulmuseum
GIMBSHEIM - Eigentlich hätte sich Christine Hach, Organisatorin der Ausstellung „Grau“, gewünscht, dass Joscha Zmarzlik passend zum Thema Schuberts „Winterreise“ gesungen hätte. Allerdings war im Storchenschulmuseum der VG Eich kein Klavier vorhanden. Deshalb bot Zmarzlik, der als Bariton nicht nur im Bereich Oper, Oratorium und Lied wirkt, sondern auch Liedermacher ist, Chansons für Träumer und Streuner an – eine gute Wahl. Seine besinnlichen Texte und kunstvollen, abwechslungsreichen Kompositionen waren genauso so bunt, heiter oder tiefschürfend, aktuell oder zeitlos wie die Werke der Ausstellung.
Sein erstes Lied führte nach Paris zum Place des Vosges. Die Fassaden der Häuser stellen die Verbindung her zum Thema der Ausstellung, doch die Stimmung war nicht gedrückt. Zmarzlik schilderte liebevoll Menschen und Augenblicke, in denen die Liebe natürlich auch eine Rolle spielt. Eugen Drewermann habe einmal gesagt, dass es nicht das Böse gibt, sondern nur die Angst, die uns am Leben hindere, leitete Zmarzlik zum nächsten Lied „Hab keine Angst“ über. In der traurig-tragischen Ballade „New Orleans“ ging es um einen Hilferuf, der nie gehört wird. Ganz anders war das Chanson von der angebeteten „Bibo-Frau“: Eine lustige Geschichte, die dem verliebten Protagonisten Schelte und Küchendienst einbringt.
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Am Samstag, 18. Februar, 20 Uhr, ist Joscha Zmarzlik mit Schuberts „Winterreise“ in der evangelischen Kirche in Dittelsheim-Heßloch zu hören. Die Pianistin Britta Elschner wird ihn begleiten.
Im Storchenschulmuseum wird am 3. Februar, 20 Uhr, der Film „Stranger than Paradise“ gezeigt.
Eine Uraufführung erlebte das Lied von Aylan, jenem kleinen Flüchtlingsjungen, der im September 2015 tot an einen türkischen Strand gespült wurde. Das Foto ging seinerzeit um die Welt. Joscha Zmarzlik stellte diesem Schicksal die Flucht des Aeneas gegenüber, der mit Vater und Sohn das brennende Troja verlässt, um in Italien ein neues Leben zu beginnen.
Berührend, aber dennoch heiter ist die Geschichte vom alten Stein, der das Leben eines Mannes von der Jugend bis ins Alter begleitet. Das Lied über das ehemalige „Zeitcafé“ am Kölner Hauptbahnhof schildert die unerfüllte Sehnsucht nach der großen Liebe, und auch Gisela, die Zeugin Jehovas, die von morgens bis abends im Einsatz ist, hadert abends mit dem Himmel, weil er ihr keinen jehovatreuen Mann sendet.
Erneuter Stimmungswechsel: Der Liedpoet erinnerte sich wehmütig an den Vater, mit dem er so viel erlebte, und fragte schließlich, was der Bademeister eigentlich im Winter macht: Zunächst wurden die Sommerfreuden beschrieben, das Treiben im Schwimmbad. Dann fror alles ein, wurde starr und steif, die Musik verstummte. Doch dabei blieb es nicht. Irgendwann war der Winter vorüber, und wieder entlockte der Sänger dem Keyboard wunderbar sommerliche Töne.
Zwei Kindern aus Conakry in Guinea, die nach Europa fliegen, um an die Freundlichkeit der Regierenden zu appellieren, widmete Joscha Zmarzlik sein letztes Lied. Und als ob er die Hoffnungslosigkeit niederringen wolle, ließ er schnell den lodernden Song von der Kraft der Welt folgen. Als Zugabe war dann ein weiteres Jahreszeiten-Lied zu hören, bei dem das Publikum mitsingen konnte.
Die Gage für diesen Abend spendete der Sänger für die Syrerin Huda Asfour, die im Krieg ein Bein verloren hat. Bisher hat das Museum bei seinen Benefizaktionen 500 Euro für sie eingenommen. Auch der Erlös aus dem Ausschank des Alsheimer Weingutes Schütte kam ihr zugute.
Auftritt Heidenturmkirche Alsheim, Wormser Zeitung, 19.9.16
"... mit protestantischer Stimmgewalt..."
Rezension, Buon Vino - Bel Canto, Alsheim, 14.9.16, Lokalanzeiger Worms
Kulturwochende mit Sommerkino und Belcanto im Ökologischen Weingut Schütte begeisterte Publikum
Ein Kulturwochenende der besonderen Art fand am Freitag und Samstag, den 26. und 27.8. in der Remise des Ökologischen Weinguts Schütte in Alsheim statt. Am Freitag hatte die Kinowerkstatt Alsheim zu einem erstmaligen Sommerkino-Open-Air ins Ökoweingut eingeladen. Gezeigt wurde die skurril-liebevoll inszenierte dänisch-isländische Tragikkomödie Virgin Mountain, ein großer Festivalerfolg des Jahres 2015. Um die achtzig Gäste kamen, sahen anspruchsvolle und doch heitere Kinokunst, genossen Bio-Imbiss, Biowein, Biosaft und ließen den sommersonnengesättigten Abend in der pittoresken Remise und im entspannt lässigen Flair des im Szene-Café-Stil liebevoll hergerichteten Hinterhofes ausklingen. Juniorchefin Agnes Schütte betonte denn auch in ihrer Begrüßung, dass die Verwandlung des normalerweise für Traktoren und Geräte genutzten Areals in einen Ort der nachbarschaftlichen Kulturbegegnung jedes Mal wie ein kleines Wunder auf sie wirke. Und die Fortsetzung folgte auf dem Fuße: Schon zum vierten Mal in Folge erfreute der mit vier jungen Musikern aus der Region hervorragend besetzte Konzertabend Buon Vino – Bel Canto am darauffolgenden Samstagabend das nun auf 150 Personen angewachsene Publikum. Bei hochsommerlichen Temperaturen begeisterten die Karlsruher Sopranistin Marijana Gojkovic und der in Alsheim lebende Bariton Joscha Zmarzlik ihr Publikum mit stimmgewaltig und spielfreudig präsentierten Duetten, Arien und Liedern von Mozart bis My Fair Lady und George Gershwin und wurden dabei von Tomoko Ichinose aus Frankfurt souverän und mitreißend am Klavier begleitet. Eine lokale Rarität mit überregionaler Ausstrahlung war ebenfalls zu vermerken: Die wohltönend und gefühlvoll dargebotene Erst-Wiederaufführung einer lyrischen Bariton-Arie aus Wendelin Weißheimers, des Osthofener Komponisten und Wagner-Freundes 1873 uraufgeführter Oper Meister Martin durch Joscha Zmarzlik. Nicht zu vergessen die blutjunge Geigerin Marlene Crone aus Alsheim und Perth, die das Publikum mit den hochvirtuosen Zigeunerweisen von Sarasate zu Begeisterungsstürmen hinriss und auch sonst viele Stücke souverän begleitete. Und auch die Gesangstalente des Alsheimer Publikum waren gefordert. Beim Brindisi aus Verdis La Traviata schmetterte man auf Deutsch die Chorstelle und manche Talente waren dabei zu entdecken. „Wir sind glücklich Qualität und Nachhaltigkeit, zwei Werte, die uns besonders am Herzen liegen, an diesem Kulturwochenende zusammengebracht zu haben. Die Qualität der Darbietungen und die Nachhaltigkeit der Publikums-Reaktionen machen uns Mut, im nächsten Jahr das Wagnis wieder einzugehen“, so die Juniorchefin abschließend. Und bis dahin bleibt man nicht untätig: Schon Anfang Oktober 2016 ist das Ökoweingut beim bundesweiten Türöffner-Tag der Sendung mit der Maus wieder mit von der Partie.
Rezension, Die schöne Müllerin, Heidenturmkirche Dittelsheim-Heßloch, 18.7.16, Wormser Zeitung
Von Ulrike Schäfer
DITTELSHEIM-HESSLOCH - Franz Schuberts Leben ist eine Tragödie. Obwohl der Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ eine Vertonung von Gedichten Wilhelm Müllers ist und sich auf dessen unglückliche Liebe zu Luise Hensel bezieht, spiegelt er die von Schmerz, Krankheit und Einsamkeit geprägte Gefühlswelt des Komponisten, und für den Zuhörer und die Zuhörerin verschmelzen Müller und Schubert zu einer Einheit. Vor allem wenn neben den Liedern, wie am Samstagabend in der Heidenturmkirche von Dittelsheim-Heßloch, der Musiker auch in Briefen und Tagebuchnotizen zu Wort kommt.
Reiche Gefühlsskala eindrücklich vermittelt
Der junge Bariton Joscha Zmarzlik, der, begleitet von der Frankfurter Pianistin Britta Elschner, den Liederzyklus vortrug, hatte besonders prägnante Texte ausgewählt und sie den Liedern zugeordnet. So war zunächst ein Auszug aus einem Brief an Schuberts Bruder Ferdinand zu hören, drei Jahre vor seinem Tod 1828 geschrieben. Darin erzählt er von seiner Fahrt nach Salzburg, seinen Eindrücken von der Stadt und der umgebenden Natur. Es ist eine Schilderung voller Poesie und Phantasie. Schubert und der Bariton Johann Michael Vogl waren bei dieser Gelegenheit auch bei Graf von Platz eingeladen und trugen sieben seiner Lieder, darunter auch das „Ave Maria“ vor. „Die Art und Weise, wie Vogl singt und ich accompagnire, wie wir in einem solchen Augenblick Eins zu sein scheinen, ist diesen Leuten etwas ganz Neues, Unerhörtes“, schreibt Schubert. Diesen begeisterten Äußerungen entsprechen stimmungsmäßig die ersten elf Lieder, die Lust am Wandern, die leidenschaftliche Liebe zur schönen Müllerin, die sich zu erfüllen scheint.
Doch das Blatt wendet sich, die Müllerstochter verfällt dem Jäger, der zutiefst enttäuschte Müllergeselle mag nicht mehr auf der Laute spielen, keine grüne Farbe mehr tragen. Eifersucht und Schmerz scheinen ihn fast zu zerreißen. Bei Franz Schubert sieht es nicht anders aus. Obwohl der geniale, unglaublich produktive Musiker in seinem kurzen Leben die großartigsten Werke geschaffen hat, bleibt ihm, zumindest durch eine größere Öffentlichkeit, die angemessene Anerkennung versagt. Beispielsweise würdigt ihn der verehrte Goethe, dessen Gedichte er vertont hat, nicht einmal einer Antwort.
Nach einem Zerwürfnis mit dem Vater ist Schubert gezwungen, 1818 eine Musiklehrerstelle bei Graf Esterhazy von Galántha auf Schloss Zseliz, damals Ungarn, anzunehmen. Er findet dort keine Geistesverwandte, keine Freunde. Während er anfangs Franz von Schober sein neues Umfeld mit Witz und Ironie noch vermeintlich heiter vorstellt, wobei die schmerzlichen Untertöne nicht zu überhören sind, klingt sein Brief vom September 1824 sehr viel düsterer, zumal seine schwere Krankheit ihn quält. Nur die Kunst gibt ihm Trost. Verzweiflung pur prägt sein Schreiben an Leopold Kupelwieser im März 1824. „Der Traum“, ein Tagebucheintrag vom Juli 1822, offenbart die belastenden Konflikte, vor allem im Verhältnis zum Vater, und den Wunsch nach Erlösung. Diese Erlösung, die Ruhe im Tod, findet sich wieder im letzten Lied des Zyklus, „Des Baches Wiegenlied“, das wohl manchem Besucher die Tränen in die Augen trieb.
Britta Elschner brachte die von Leidenschaft und Entsagung geprägten Kompositionen, das Plätschern, Rauschen und Tosen des Baches virtuos zu Gehör und ergänzte wunderbar die kraftvolle, wohlklingende Stimme Joscha Zmarzliks, der die reiche Gefühlsskala eindrücklich vermittelte. Dabei gelangen ihm besonders gut die expressiven Momente.
Ob Franz Schubert vielleicht eine eher weiche Natur hatte? Der Sänger, der auch die Texte sehr ansprechend vortrug, teilt privat jedenfalls sein Schicksal nicht. Die Liebe hat den gebürtigen Freiburger, mittlerweile Vater von zwei kleinen Kindern, nach Alsheim gebracht, sodass man ihn hoffentlich bald noch öfter in der Region hören wird.
Rezension, Winterreise, Hof an der Aue, Zeven, 16.11.14, Zevener Zeitung
"... Dabei treffen die beiden Musiker die trostlose, erstarrte und auswegslose Atmosphäre im Kern. Joscha Zmarzliks satte Baritonstimme ist gleichermaßen enthusiastisch und doch vorsichtig, mit sicherem Gespür für jene Gefährdung, die den liedzyklus überschattet. Er trifft Schuberts Ton genau, überzeichnet die Einstiche in die Seele durch die Worte nicht, und frohlockt gleichermaßen in den Halluzinationen und Wunschträumen des trostlosen Wanderers. .... Nach dem Verklingen des letzten Tones brauchte das Publikum eine Weile, um aus den Tiefen der Traurigkeit wieder in die Realität zurück zu kehren. Aber dann brach ein wahrer Beifallssturm aus, der von diversen "Bravo"-Rufen untermalt wurde. Der verdiente Lohn für eine schwermütige, aber brilliante Vorstellung an einem grauen Novembervormittag."
Rezension, Messias, Augustiner Kirche Schwäbisch-Gmünd, 31.1.14, Rems-Zeitung, 3.1.14
...... Souverän ebenfalls war Bassist Joscha Zmarzlik. Seine Stärke lag in der Differenzierung der Dynamik, mit der er die Dramatik der Arien– und Rezitativinhalte gestaltete, aber auch in der Textverständlichkeit, die wie ganz natürlich und völlig unangestrengt einfach da war....